Ladung Hass

Volle Ladung Hass

Medien gelten als Kriegstreiber, Propagandamaschinen und Skandalprofiteure, Journalisten als korrupt. 
Eine Widerrede aus gegebenem Anlass 
EIN GASTBEITRAGVON BERNHARD PÖRKSEN für ZEIT ONLINE


Auszug:
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Ich bin nicht gekauft. Kein Chefredakteur hat mich angerufen und mich um diesen Artikel gebeten oder mir irgendetwas angeboten.
Ich bin nicht als PR-Söldner im Dienste der Leitmedien unterwegs und finde, um dies gleich vorauszuschicken, nicht alles gut, was ARD und ZDF senden oder was im Spiegel,in der ZEIT, in der FAZ oder in der Süddeutschen steht, sondern ich ärgere mich mitunter über den real existierenden Journalismus, über manche Selbstgerechtigkeit und einen Skandalisierungsfuror, der mich frösteln lässt.
Aber inzwischen ist etwas gekippt.
Auf einmal hat sich Skepsis in Wut, ja sogar in Hass verwandelt.
In einen Hass auf die Medien.
Seit den achtziger Jahren wird mit guten Gründen die zunehmende Politik- und Parteienverdrossenheit beschrieben – ungezählt sind die Symposien, die Publikationen, die Diskussionen und Debatten.
Aber die Medienverdrossenheit, der dramatische Vertrauensverlust in die Orientierungs- und Informationsleistung des Qualitätsjournalismus, findet öffentlich nicht statt; vermutlich, weil sich hier, weitgehend unbemerkt, eine Bewegung formiert hat, die sich kaum als Bewegung und gewiss nicht als soziales oder politisches Milieu fassen lässt.
Sie ist radikal im Urteil, aber weltanschaulich pluralistisch, nicht eindeutig rechts oder links.
Ihre Gemeinsamkeit ist allein der böse Blick auf das Treiben von Journalistinnen und Journalisten.
Die Mehrheit der Deutschen hält Journalisten für unmoralisch, rücksichtslos, manipulativ, bestechlich und für deutlich zu mächtig, so der bereits im Jahre 2009 veröffentlichte Befund eines Forscherteams um den Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach.
Donsbach hat die bislang einzige umfassende Untersuchung zur Medienverdrossenheit in deutscher Sprache vorgelegt, aber andere, aktuellere Befragungen zum Ansehen und zur Glaubwürdigkeit der Branche offenbaren ein ähnlich desaströses Bild.
Was ist der Grund?
Die Antwort: Es gibt ihn nicht, diesen einen Grund.
Medien- und Fälschungsaffären, die Boulevardisierung der Berichterstattung, der Negativismus der Nachrichten, der Einfluss von PR-Agenturen und Lobbyorganisationen – all die angeblichen oder tatsächlichen Grenzüberschreitungen und Verfehlungen munitionieren den großen Verdacht.
Der Philosoph Michel Foucault würde in einer solchen Situation höchst unterschiedlich begründeter Einheitsurteile von einem Dispositiv im Diskurssprechen – einem Sammelsurium unterschiedlichster Stellungnahmen, das aber doch durch ein gemeinsames Wahrnehmungsschema geprägt wird, eine Art Hintergrundbild.
Es ist ein Bild des Niedergangs und der Verwahrlosung.
Es erzählt von Auflösung und von Zerstörung.
Es handelt von Kampagnen, von Verschwörung und von menschenverachtender Manipulation.
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